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Hundewache

Artikel vom 05.01.2008 aus Hintergrund.

Quelle: Life Support Nr. 5
Autor: Hans-Jörg Neubert

Als im 19. Jahrhundert auf der guten alten Erde noch die Segelschiffe über die weiten Meere kreuzten, nannte man die Zeit von 1 Uhr bis 3 Uhr morgens die "Hundewache". Als ich allein im Cockpit meines Warhammers saß konnte ich nur zu gut verstehen, wie dieser Name entstanden war. Das einzige Wort, dass das Gefühl, zu dieser Zeit Wache zu stehen beschreiben konnte, war "Einsamkeit". Man fing an, in sich hinein zu horchen und Vergangenes wieder aufleben zu lassen....

Es war noch gar nicht so lange her, dass ich mit meiner Wolverine die MechForce-Akademie verlassen hatte, um meinen Dienst beim Tamar Pakt anzutreten. Viele MechKrieger werden die Emotionen nachempfinden können, die mich damals bewegten. Stolz, meinen eigenen Mech führen zu können, Verlangen, die Heimat zu verteidigen, Hass, um den irren Gegner zu töten. Alle diese Gefühle trieben mich zu meinem ersten Sieg über einen Kurita-Hunchback. Und dieser Sieg ließ in mir die Erkenntnis wachsen, dass es auch bei den Schlangen einzelne ehrenhafte Charaktere geben konnte, auch wenn die Verbrechen dieses Staates ungezählt und unverzeihbar waren.

Kurz nach diesem Kampf erreichte mich meine Versetzung zu den 10. Skye Rangern. Das war eine Einheit nach meinem Geschmack. Mit einer Tradition, die bis weit ins 17. Jahrhundert zurückreichte, als der Name Black Watch entstand. Aber wie groß sollte meine Enttäuschung sein, als ich auf Solaris, ihrer Hauptgarnisionswelt eintraf.erstens, weil man hier meine Ideale verriet und zweitens, weil man mit meinen Mech nahm. Noch jetzt, in der dunklen Einsamkeit meines Cockpits musste ich an mich halten, um meinen Zorn nicht laut herauszubrüllen.

(War das gerade ein kurzer Ausschlag auf dem MAD? Ein kurzer Check ergab nichts und so kehrten meine Gedanken wieder zu meiner Ankunft auf Solaris zurück.)

Ich meldete mich wie befohlen bei Oberst Herbert. Er erwiderte meinen Gruß und ließ seinen Blick wieder auf meine Akte fallen, die vor ihm auf seinem Schreibtisch lag.

"Neubert, Leutnant. Erfahrung: KEINE, Siege: Einer. Mech: WOLVERINE !" Hier leuchteten seine Augen kurz auf. "Sie bringen uns ja einen wertvollen Mech mit. Ich habe genug erfahrene Piloten, die genau auf diese Art Mech gewartet haben. Leider habe ich für SIE zur Zeit keine Verwendung. Außerdem ist mir ihre Haltung gegenüber unseren Davion-Kameraden schon zu Ohren gekommen." Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als er fortfuhr: "Ich sehe, dass sie einige Erfahrung als Infanterist haben. Wir werden sie also in eins unserer Infanterie - Regimenter stecken. Dort können Sie ihr Mütchen kühlen. Es stehen bedeutende Ereignisse vor uns, vielleicht können wir sie als Ersatz gebrauchen. Und nun melden sie sich bei Oberst Stratz, er ist ihr neuer Regimentskommandeur. Weggetreten!"

Wie betäubt verließ ich das Büro. Wie konnte mir das in einer Skye - Einheit passieren? Was sollte ich jetzt tun? ...

Stunden später saß ich in dieser Bar, dem "Cobalts Coil" und zog mit eine Steiner - PPK (mit Pfefferminzlikör) rein. Vielleicht würde ich ja morgen aus dem Rausch erwachen und feststellen, dass alles nur ein böser Traum war. Plötzlich hörte ich den Stuhl neben mir rucken und ein vernarbter Typ, dem man den MechKrieger auf den ersten Blick ansah, setzte sich an meinen Tisch. "Sie sind Neubert?, fragte er. Ich nickte. "Es tut mir leid um ihren Mech, Mann. Es muss übel sein, als Entrechteter zu leben." Bei dem Wort Entrechteter liefen mir kalte Schauer über den Rücken. "Melden sie sich doch einmal bei mir. Bei uns kann ihnen so etwas nicht passieren. WIR SIND UNSERE EIGENEN HERREN!" Mit diesen Worten schob er mir seine Karte rüber, (Hubert Martin, örtlicher Beauftragter des SÖLDNERKARTELLS auf Solaris), und ließ mich ohne Gruß alleine am Tisch zurück.

Gleich am nächsten Tag ging ich zu der Adresse, die auf der Karte stand. Drinnen saß Mr. Martin. Über seinem Stuhl hing eine Menge Urkunden und Auszeichnungen. Hansens Rauhreiter, Richards Panzerbrigade und andere bekannte Söldnereinheiten hingen dort. Ich war zugegebenermaßen beeindruckt. "Mr. Neubert, ich hätte ihnen ein Angebot zu machen. Das Söldnerkartell wäre bereit, sie zu sponsern, d.h. wir würden ihnen ein Mech verkaufen und dafür ..."

"Und wovon bitteschön soll ich diesen Mech bezahlen?" fuhr ich ihn an.

"Lassen sie mich ausreden, Neubert. Dafür verpflichten sie sich, drei Jahre gegen ein gewisses Gehalt für das Söldnerkartell zu arbeiten. und ich hätte gleich einen Auftrag, sogar ein Kommando für Sie!"

Langsam konnte ich den Ereignissen nicht mehr folgen. Aber hier wurde mir wieder die Möglichkeit geboten, einen Mech zu steuern. Mir war egal, was für ein Mech es war oder was ich dafür tun müsste. Hauptsache, ein MECH.
"Ich bin ihr Mann, Mr. Martin. Geben Sie mir die Papiere." Er zog eine Schublade auf und gab mir ein leeres Stück Blatt. "Eine Unterschrift, und sie sind Mitglied des Söldnerkartells. Alles andere erfahren sie später. Die Basis unserer Zusammenarbeit ist Vertrauen. Sie müssen uns heute vertrauen. Ab morgen sorgen wir uns um sie. Das Söldnerkartell kümmert sich um seine Leute."

Jetzt war mir klar, warum er mich angesprochen hatte. Nur wirklich verzweifelte Krieger würden zu diesem Strohhalm greifen. Aber ich war wirklich verzweifelt und so unterschrieb ich und versiegelte das Ganze mit meinem Daumenabdruck.

Mein nächster Weg führte mich wieder zu Oberst Herbert, dem ich meine Kündigung auf den Tisch knallte.

48 Stunden später stand ich vor meinem neuen Mech, seine Papiere in der Hand. Dieser Mech gehörte mir, freiwillig würde ich ihn nicht mehr hergeben! Ein alter WHR-6R Warhammer, aber wie ich Stunden später, als ich ölig aus ihm hervorkroch, feststellte, in einem 1A-Zustand. Allerdings würde ich mich ganz schön umstellen müssen. Aus einem schnellen, beweglichen Scout-Mech in einen kampfkräftigen, aber behäbigen Linien-Mech. Wobei ich zugeben musste, dass kaum ein Mech kampfkräftiger als ein Warhammer war. Egal ob auf weite Entfernung oder im Nahkampf. Nur mit der Beinpanzerung sieht es etwas schlechter aus. Trotzdem. Es war mein Mech und ich wollte ihn in Ehren führen.

(Wieder schlug die Nadel des MAD aus. Ich fuhr die Reaktorleistung hoch und setzte mich langsam in Richtung der Anzeige in Bewegung. Ich öffnete einen Kanal zum Lager.)

Nennen wollte ich ihn THOR, nach dem alten nordischen Gott des Blitzes und des Donners.

Nun musste ich nur noch meine Befehle lesen. Ich setzte mich in das Cockpit von Thor und öffnete den Umschlag: "MechKrieger Neubert, sie übernehmen die folgende Anwärterlanze: Anwärter Hermann, Rifleman, Anwärter Müller, Assassin, Anwärter Laskowski, Jenner.
Mit ihrer Lanze melden sie sich beim kommandierenden Offizier des 2.Battalions der 10.Skye-Ranger als verstärkte Erkundungslanze. Viel Erfolg!..."


Und deswegen war ich mit meiner verstärkten Verheizungslanze auf diesem Marik-Planeten, dessen Name sowieso keinen interessiert.

Ich sammelte meine Lanze um mich, um den MAD-Impulse zu überprüfen, der sich aus Richtung SO näherte. Die Stärke dieses Impulses deutet auf einen Feind in Kompaniestärke hin. Ich meldete dies dem HQ und bat um Verstärkung. Es gab keine Rückmeldung. Hermann befahl ich auf einen nahegelegenen Hügel rechts von mir, um uns mit seinem Rifleman Deckungsfeuer geben zu können. In einer links gelegenen Senke stellte ich den Assassin auf, wo er aus teilweiser Deckung heraus Langstreckenfeuer liefern sollte. Ich selber platzierte mich in zentraler Position, um die Aufmerksamkeit des Feindes auf mich zu ziehen, d.h. um das Feuer der Feindes von den leichteren Mechs meiner Lanze abzuziehen. Laskowski gab ich den Auftrag, den Feind weiträumig zu umgehen.

Kaum waren die Befehle gegeben, trat der Gegner in einem halben Kilometer Entfernung aus dem Sichtschutz der Hügelkette hervor. Es schien sich um eine typische mittlere Marik-Kampflanze zu handeln. Geführt wurde sie von einem erdfarben getarnten Orion, dazu kamen ein kampfgezeichneter Wolverine - M und zwei flinke Hermes II. Sofort befahl ich dem Assassin, ebenfalls den Feind zu umgehen und zusammen mit dem Jenner die beides Hermes anzugreifen. Hermann und ich würden uns auf den Orion konzentrieren, dabei mussten wir versuchen, uns außerhalb seiner AK/10 zu halten. Aus dem Augenwinkeln heraus sah ich auf dem MAD, dass wir von den anderen beiden Lanzen umgangen wurden. Ich konnte nur hoffen, dass mein Spruch beim HQ angekommen war und uns noch rechtzeitig Hilfe erreichen würde.

Wir eröffneten auf die äußerste Entfernung von 500m das Feuer auf den Orion. Ich sah eine meiner PPK an seinem rechten Torso einschlagen. Das Autokanonenfeuer des Rifleman fraß die Panzerung an seinem linken Arm. Das war eien Freirunde. Von nun an hieß es: "UND SEGNE, WAS DU UNS BESCHERET HAST." Der Gegner würde zurückschlagen. Ich sah, wie sich der Wolverine dem Rilfeman zuwandte und befahl Hermann den Einzelkampf. Von den beiden leichten Mchs kam die Meldung, dass sie schon im Nahkampf mit den beiden "Götterboten" standen. Nun hieß es Taktik beiseite, Kampf Mech gegen Mech. und da hatte ich ein echtes Problem. Der Orion war extrem schwer gepanzert und in allen Reichweiten gut bewaffnet. In meiner schweren Maschine konnte ich ihn auch nicht ausmanövrieren. Also rannte ich zu der Senke, in der ich anfangs den Assassin postiert hatte. Ich gab wieder einen Doppelschlag aus meiner PPK ab. wieder traf ich den Torso mit einem Schuss. Gleich darauf erschütterte ein AK-Treffer meinen Mech. Rote Warnsignale brandeten auf. Die ganze Rückenpanzerung war weg. Verdammt! Da entdeckte ich in der Senke ein Wasserloch, in das ich dankbar hineinwatete. Das Wasser bedeckte meinen Mech bis zur Hüfte. Sofort löste ich wieder einen Doppelschlag mit meinen PPK´s aus. Beide Schüsse trafen, einer den Haupttorso, der andere den angeschlagenen linken Arm. Noch ein Treffer und der Arm war weg! Seine AK brüllte auf, aber der Schuss war zu lang und explodierte hinter mir in den Hügeln. Die LSR waren aber besser gezielt. Acht der Fünfzehn trafen mich am linken Arm. Der Kampf war jetzt ein reiner Schlagabtausch geworden, der so typisch für die Gefechte schwerer Mechs war. Aber ich hatte einen wichtigen Vorteil gewonnen. Mit seinem angeschlagenen Arm, der seine Kurzstreckenlafette und einen M-Laser trug, wagte er sich nicht mehr in den Nahkampf. Trotzdem war er keineswegs wehrlos. Seine Autokanone schickte Urangranaten mit brutaler Gewalt gegen meinen Torso, weitere Raketen hämmerten auf meinen rechten Arm ein. Ich dankte wem auch immer für die starke Panzerung dort.

Plötzlich gellte über Komm ein schriller Schrei, der abrupt abbrach. Aber ich musste mich weiter auf meinen Gegner konzentrieren. Wieder traf ich nur mit einer PPK, aber wieder auch nur den rechten Torso. Das hieß, er hatte nur noch Papierpanzerung über seiner AK-Munition. Diesen Vorteil musste ich ausnützen. Ich stürmte auf ihn los, um möglichst viele Waffen gegen ihn zum Einsatz bringen zu können! Seine schwächere Rückenpanzerung wollte er mir nicht zuwenden, also nahm er meinen Angriff frontal. Dazu gehörte Mut, wenn ein aus allen Rohren feuernder Warhammer auf einen zustürmt! Zuerst musste ich noch seine AK nehmen, drei KSR und ein M-Laser legten meine innere Struktur frei. Meine Antwort war fürchterlich. Eine PPK zerfetzte den linken Arm. Beide M-Laser trafen seine Beine. Aber die fürchterlichste Wirkung hatten die vier Kurzstreckenraketen, die seinen rechten Torso trafen und die innere Struktur bloßlegten. Und dort seine AK-Munition hochjagten. Er hatte nicht mal mehr die Chance, auszusteigen...

Bisher hatte ich Glück gehabt. Ich hatte zwar eine Menge Panzerung und auch innere Struktur verloren, aber bisher waren noch keine wichtigen Teile ausgefallen. Ich machte mich auf die Suche nach meinen Kameraden. Der Kampf zwischen den Rifleman und der Wolverine war noch in vollem Gange, wobei die Wolverine im Nahkampf langsam die Oberhand gewann. Ich feuerte auf maximale Entfernung. Beide Schüsse verfehlten ihr Ziel, aber die Wolverine schien die Lust zu verlieren, sich mit zwei schweren Mechs auseinanderzusetzen. Er hatte wohl schon einen Beinschaden erlitten, denn er verzichtete auf eine Flucht und schoss sich statt dessen mit seinem Schleudersitz heraus. Leider konnten wir unsere leichten Mechs nicht mehr retten. Sie hatten mutig den Kampf aufgenommen und einen teuren Preis dafür bezahlt. Der Assassin lag mit eingeschlagenem und verbranntem Cockpit am Boden, vom Jenner fanden wir nur noch verbrannte Trümmerreste. Beide Piloten waren tot. Von den Hermes II war nichts mehr zu sehen. Sie hatten wahrscheinlich einen taktischen Rückzug eingeleitet...

Hermann und ich meldeten uns einige Zeit später auf Solaris zurück. Unsere Lanze bestand nur noch aus drei Mechs, meinem Warhammer, dem Rilfeman und die reparierte Wolverine. Ich bin gespannt, zu erfahren, wer unsere Lanze komplettieren wird.
Und was die Zukunft für "Thors Hammer" bereithält.






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Erstversion vom 05.01.2008. Letzte Aktualisierung am 25.06.2014.