Adrenalin I - Kapitel 05 - Schützenfeuer

05.04.2023

Sitzung Vier: Schützenfeuer
Tharkad City, Tharkad
Mark Donegal, Vereinigtes Commonwealth
12.6.3054

Der Schütze ging langsam seinen Patrouillenweg ab. Die anderen drei Mechs, ebenfalls Schützen folgten wenige Meter dahinter. Er hatte gehört, dass Feinde hier in der Gegend waren und prompt
rief ihn einer aus seiner Gruppe:
"Sie müssen hinter der Kuppe sein." Es war eine weibliche Stimme. Die drei anderen Schützen hatten Männerstimmen.
Der vordere der Schützen kommentierte die Aussage seiner Kollegin: "Ja, sie müssen hinter der Kuppe sein."
Die Lanze donnerte im Marschtempo über das Steppengras der Hügel... Und die führende Maschine versank kurz in ihren Gedanken... Der Feind, lyranische Mechs mit einer zwei- oder dreifachen Übermacht, hatten die Heimat des Schützen angegriffen und mussten nun daran gehindert werden, alles hier zu überrennen, bis Entsatztruppen eintrafen, um Irian zu retten. Wie lange es noch dauern würde, wusste er nicht. Aber sie mussten kommen. Sonst verlor der Schütze seine Heimat.
Als er über die Kuppe waren und das Gelände dahinter sehen konnten, sahen sie den Feind. Eine feindliche Kompanie. Als die Maschine genauer hinsah, erkannte sie eine gut durchmischte Einheit.
Da waren ein Wespe, zwei Kommandos, und ein Brandstifter, offenbar die Scoutlanze der Lyraner.
Dann zwei Greife, ein Feuerfalke, ein Derwisch - die Kampflanze - sowie zwei Kreuzritter, ein Donnerkeil und ein Zeus, die die Befehlslanze bildeten.
Beachtliche Gegner...
Doch die vier Schützen würden sich zu wehren wissen, das war klar. Der vordere reduzierte sein Tempo und die drei dahinter taten es ihm gleich. Nach seinen Messungen war der Feind etwa zwei Kilometer entfernt und nun setzte sich der Pulk der zwölf Mechs in Bewegung. Die Scoutlanze ziemlich schnell und setzte sich von den anderen beiden ab, während Kampf- und Befehlslanze langsam folgten, gemächlich... Und hier sah der Schütze seine Chance. Die Lyraner waren dafür bekannt, hin und wieder unfähige Taktiken anzuwenden und offenbar war das auch hier der Fall.
Als klar war, dass die Scoutlanze die vier AriMechs alleine angehen würde, zogen sich die vier Schützen langsam wieder über die Kuppe zurück. Langsam... Nur nicht überhitzen... Vierhundert Meter hinter der Kuppe wendete der führende Mech seine Lanze und blieb wartend stehen. Er befahl seinen Kameraden, die Zielerfassung auf die Reichweite einzustellen, die wohl entscheidend werden
würde, dreihundert bis vierhundert Meter. Allerdings mehr, um sich selbst und die Truppe zu beschäftigen als für einen sinnvollen Grund. Und dann kamen sie über die Kuppe. Die vier schnellen, leichten Mechs der Scoutlanze, deren Schicksal dem Schützen spätestens dann besiegelt schien, als sie dort oben auf der Kuppe weiter nach vorne preschten und nicht auf ihre großen Brüder warteten.
Er gab den Feuerbefehl...
Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis die Zielerfassungen ihre jeweiligen Opfer gesucht hatten... Volle einhundertsechzig Langstreckenraketen, aus jedem Mech vierzig, donnerten aus den Abschussrohren und ihrem Ziel mit unmenschlicher Geschwindigkeit entgegen. Abgesehen davon, dass die vier Lyraner sowieso nicht reagieren konnten, wenn man die Geschwindigkeit der austretenden Raketen berücksichtigte, machten sie den wohl Schlimmsten aller Fehler. Sie wurden langsamer. Der Schütze hätte an ihrer Stelle beschleunigt oder wäre gesprungen... So gingen sie in ihr Verderben.
Die Raketen, die für die Wespe vorhergesehen waren, trafen fast vollständig. Nicht konzentriert, aber die dreißig Raketen, die den 20-Tonner trafen, waren genug. In Sekundenbruchteilen löste sich an der Wespe die meiste Panzerung ab... Und einige der Raketen erreichten die interne Struktur, rissen sie in Stücke und zerfetzten den Mech fast von innen... Der erste der beiden Kommandos hatte sogar noch weniger Glück, wenn das überhaupt noch möglich war. Die Raketen trafen auch hier nicht alle, aber die meisten schlugen konzentriert im zentralen Torso ein... Hier waren keine Rechnungen oder Schätzungen nötig. An die zwanzig Raketen, die einen schwachgepanzerten Kommando direkt trafen... Der Schütze sah und hörte eine Explosion, dann fiel der leichte Mech, um nie wieder aufzustehen.
Der zweite Kommando hatte mehr Glück. Die meisten Raketen verfehlten ihr Ziel und bohrten sich in den Boden. Eine Traube von Raketen traf allerdings das rechte Kniegelenk des Mechs und riss ihm kompromisslos das Bein vom Körper. Der Kommando stürzte und blieb unbrauchbar zurück. Aber im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen starb er nicht. Der Brandstifter wurde voll getroffen, allerdings verteilten sich die Raketen auf seiner Oberflächen, ließen ihn weder explodieren noch rissen ihm etwas vom Leib. Aber die pure Gewalt von etwa vierzig Raketen ließ ihn zu Boden stürzen und raubte ihm das Bewusstsein. Jedenfalls konnte der Schütze keinerlei Bewegungen mehr sehen. Was auch gut für ihn war, wusste der Schütze, denn wenn er sich rühren würde, dann würden sie ihr Werk vollenden und ihn auslöschen...
Stille senkte sich über die Todesszene... Die vier Schützen bewegten sich nicht. Warteten ab, auch um ihre aufgestaute Hitze abzubauen. Und plötzlich tauchte der erste der restlichen acht Köpfe auf. Dann der zweite, dann der dritte. Der Schütze wandte sich an seine Kameraden: "Langsam zurückweichen und nach hinten gehen... Konzentriert euch auf die sprungfähigen schnelleren Maschinen."
Seine drei Kameraden gehorchten aufs Wort. Der Schütze erwartete nun, dass die beiden Greife, der Feuerfalke und der Derwisch das Kampffeld auseinanderziehen würden, ihre Sprungdüsen einsetzen würden und versuchen würden, die Lanze der vier AriMechs zu umgehen, einzukreisen oder ihr in die Flanke zu fallen. So hätte es jeder vernünftige Kommandeur befohlen, auch der Schütze. Offensichtlich waren die Lyraner von dem Bild, das sich ihnen bot, ihren gefallenen und besiegten Kameraden so in Rage versetzt worden, dass ihnen sämtliche Vernunft abging. Die Lyraner marschierten in der Angriffsgeschwindigkeit der langsamen schweren Maschinen, etwa 40 km/h, in einer Reihe auf die vier Schützen vor, die mit etwa 10 km/h zurückwichen. Bevor die Lyraner nun ihre Feuerkraft entfalten konnten, hatten die Kameraden des Schützen ihre Langstreckenraketen schon wieder auf den Feind gerichtet und fingen an... Hier schossen mal zwanzig Raketen aus einer Lafette, dann feuerte mal einer zwei Salven ab... Immer drauf... Die Lyraner standen in einer Reihe... Möglicherweise trafen die Raketen nicht das gewünschte Ziel, dafür trafen sie dann ein anderes Ziel. Die Salven der Lyraner, die unter Nebel, Explosionen und einschlagenden Raketen abgefeuert werden wurden, trafen in der Regel kaum. Der Schütze hatte seine Lanze weit auseinandergezogen und gab den Raketen, AK-Granaten und den beiden PPKs der Greife die ihr Ziel verfehlten so nicht die Chance, jemand anderen zu treffen. Irgendwann fiel unter einer gewaltigen Explosion der fünfte lyranische Mech, der Feuerfalke. Die vier Schützen setzten ihr mörderischen Bombardement fort... Der Feind war inzwischen auf etwa 200 Meter herangekommen und teilte seinerseits nun ebenfalls Schläge aus. Doch die Schützen fuhren unbeirrt fort... Salve um Salve... Und nachdem sie den mächtigsten der lyranischen Mechs gefällt hatten, den Zeus, blieben die Lyraner stehen, wendeten und zogen sich besiegt zurück...



"Dieses Beispiel aus dem Jahr 2842 zeigt uns ziemlich deutlich, dass Fernkampfsituationen hin und wieder entscheidend sein können. Es gibt auch heutzutage noch genügend Verrückte, die denken, man könnte AriMechs damit besiegen, indem man mit schnellen leichten Mechs die Distanz verringert... Das mag ja hin und wieder funktionieren, es gibt sogar eine Menge Belege dafür, ich möchte aber darauf hinweisen, dass nur ein einziger Treffer ausreicht und die Sache ist gegessen."
Eine Studentin aus der vorderen Reihe meldete sich: "Aber mal theoretisch... Wenn zum Beispiel ein Mech von der Geschwindigkeit eines Flohs..."
Wellerbein lachte laut - fast arrogant und beleidigend - auf: "Haben Sie schon mal gesehen, was eine PPK oder eine LSR20 mit der Spielzeugpanzerung eines Flohs macht?"
Schweigen. Der Dozent redete weiter: "Ich habe solche Dinge leider schon viel zu oft gesehen... Verzeihen Sie mir mein altkluges Gerede... Aber das läuft fast jedes Mal gleich ab und es geht auch fast jedes Mal verteufelt schnell...
Jedenfalls ist dieser Faktor, die Fernkampfausrüstung, absolut entscheidend, wenn es um den Ausgang einer Schlacht geht.
Sicher, es läuft nicht immer so herrlich wie bei diesem Beispiel. Das Gelände sprach für die vier Schützen und die LCS haben weder zusammen angegriffen noch den Gegner ausmanövriert, aber denken Sie bei der Analyse eines MechGefechtes, die sie ja später alle mal irgendwann beruflich ausführen werden, an meine Worte: Niemand nähert sich in einem planlosen Sturmangriff ungeschoren einem AriMech... Im Zeitalter von ER-Waffen, ArrowIV und ähnlichem Schnickschnack dürfte diese kleine Lektion sogar noch bedeutender werden.
Übrigens, die lyranische Invasion ging in die Hose. Obwohl die LCS eine dreifache Überlegenheit hatten, konnte das LFW-Militär Irian durch verbitterte Defensivarbeit bis zum Eintreffen der Entsatztruppen halten. Und danach blieb den Lyraner sowieso nur der Rückzug."

Die Clique saß keine zehn Minuten später bei ihrem berühmten ´zweiten Frühstück´, inzwischen eine
feste Institution, die diese Donnerstag Morgen überhaupt erst erträglich machte. Ellen hatte irgendwann am Wochenende beschlossen, doch wieder mit Nihongi und Sergej zu reden, wobei sie immer noch sauer war... Wie die beiden den Tod der Pilotin dieses Quasimodos so bestialisch feiern konnten, war ihr immer noch ein Rätsel. Für Ellen war und blieb es widerlich. Mord. Nun, möglicherweise hatte sie auch einfach keine Solaris-Gene... Die Sache zwischen Pedro und Samantha hatte sich anscheinend etwas gefestigt, obwohl Ellen aus gesicherten Quellen - dem Mund von Sam - erfahren hatte, dass es während der letzten Tage nur zu gesitteten Dingen wie etwas Vorspiel und ähnlichem gekommen war... Was vermutlich nicht lange so bleiben würde, aber Ellen fand es schon mal ganz gut, dass Sam dem Kerl nicht gleich alles gab, was er vermutlich wollte...
Als John sie von der Seite antippte...
"Ja?" fragte Ellen, nachdem sie ihre Tasse Kräutertee abgesetzt hatte.
"Sag mal, was machst du heute Abend?"
Ellen sah ihn kurz überrascht an: "Wieso fragst du denn?"
"Naja, heute Abend ist bei uns im Wohnheim ´ne Stockwerksparty..."
Ellen lächelte John an: "Und da soll ich dann auch hinkommen?"
"Wäre nett."
Ellen überlegte kurz - und nickte dann: "Naja, wieso eigentlich nicht?" ´Aber bild dir nicht ein, dass du dann auch nur irgend was mit mir anstellen kannst, Sweety...´
John lächelte sie an: "Hey, genial! Hätte ich nicht gedacht, dass du ´Ja´ sagst... Die anderen hier kommen auch alle... July und Pedro wohnen ja auch in den Wohnheim."
Ellen lächelte kurz... diplomatisch und stand dann auf: "Aber du, ich muss dann weiter... Wir sehen uns dann morgen."


Älterer Artikel von mechforce.de. Nicht mehr online.




Kommentare

Bisher noch keine Kommentare.

  Kommentar abgeben
Name:
Text:
 


Erstversion vom 05.04.2023. Letzte Aktualisierung am 05.04.2023.


[ nach oben ]